Nazis vor meiner Haustür? Zeit, mal wieder politisch zu werden.
Als ich gestern morgen von meinen Kollegen erfuhr, dass der NPD Bundesparteitag nun überraschend in Weinheim stattfindet, war ich geschockt. Spätestens seit ich vor einigen Jahren in Dortmund alljährlich die Naziaufmärsche in meinem damaligen Stadtteil ertragen musste, hab ich diese Typen echt gefressen. Also schnell Twitter und Facebook gecheckt, Proteste entdeckt, geteilt und ab aufs Rad. Denn das geht einfach mal gar nicht.
Damit war ich zum Glück nicht allein. Spontan sammelten sich gestern schon rund 250 Demonstranten vor der Absperrung, die die Polizei weiträumig um den “Schwarzen Ochsen” “Braunen Ochsen” errichtet hatte. Mit dabei: der Bürgermeister, Kirchen, Vereine und Anwohner. Ein guter Anfang.
Auf weinheimblog.de gibt es übrigens schöne Zusammenfassungen.
Heute, zum zweiten Tag, versammelten sich in der Spitze dann schon rund 600 Demonstranten. “Nazis raus”, “NPD verbieten” und “Weinheim ist bunt” skandierte die friedliche Menge. Es wurde getanzt und getrommelt, skandiert und gesungen. Während vorne die Jugend “Ohne Verfassungsschutz wärt ihr nur zu zehnt” brüllte, sangen weiter hinten Alt-68er “Moorsoldaten” oder “We shall overcome”. So unterschiedlich wie die Arten gegen braunes Gedankengut zu protestieren, waren auch die zahlreichen Teilnehmer der beiden Demos.
Doch es gibt auch Erlebnisse, die mich grübeln lassen. Da sind die beiden Mädels aus dem Nachbarhaus, die in Jogger und Adiletten während der Demo zum Bäcker schlurfen und sich über die Demonstranten aufregen.
Da sind die Kommentare der Rechten im Gästebuch des braunen Ochsen, welches mittlerweile anscheinend offline genommen wurde.
Und da sind Argumente, nicht an einer Demo teilzunehmen, weil “der Steuerzahler dann für die Polizeikosten aufkommen muss” oder weil “man die eine Seite so schwachsinnig findet wie die andere und sich da gar nicht so recht positionieren möchte”.
Mir fällt es schwer, diese Gleichgültigkeit nicht genauso schlimm zu finden, wie die braunen Deppen, die sich zu diesem Zeitpunkt in der runtergekommenen Kaschemme treffen.
Ein gutes Gefühl gibt mir dagegen das Wissen in einer Stadt zu leben, in der sich der Widerstand so spontan organisieren konnte.
Über Twitter und Facebook zeigten sich viele Menschen solidarisch: “Wenn der Ort in dem Du lebst mal in der ZEIT steht …
” schrieb z.B. @ripanti am Samstag und sprach wohl vielen aus der Seele.
Auch die FB Fanpage der Stadt Weinheim wurde zum Schauplatz hitziger Diskussionen. “Der Wirt wusste ganz sicher von der NPD-Veranstaltung, und da er offensichtlich selbst rechts ist, hat er seine Pforten für die Nazis geöffnet. (..)”, erklärte ein User. Ein anderer meinte: “Mir dreht sich der Magen um, wenn ich bedenke, dass ich da neulich noch essen war. Nie wieder.”
Und das Video mit der Rede von Weinheims OB Heiner Bernhard sammelte Likes als gäbe es kein Morgen.
Kleines Schmankerl am Rande:
Von der Demo in Sulzbach hat die Dönerbude kurz vor der Absperrung wohl am meisten profitiert. Selten schmeckte ein Fastfood-Gericht wohl so sehr nach Protest.
Nuff said!




